
21.08.26 –
Wie gelingt die Energiewende – und was muss passieren, damit sie nicht nur politisches Ziel bleibt, sondern vor Ort tatsächlich funktioniert? Darüber diskutierten am 18. August rund 50 bis 60 Gäste beim Energiegespräch der Grünen in Hennigsdorf.
Mit Michael Kellner, Mitglied des Deutschen Bundestages und energiepolitischer Sprecher der Grünen Bundestagsfraktion, Clemens Rostock, Landesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen Brandenburg, und Christoph Schneider, Geschäftsführer der Stadtwerke Hennigsdorf, trafen drei unterschiedliche Perspektiven aufeinander: Bundespolitik, Landespolitik und kommunale Praxis. Und schnell wurde deutlich: Die Energiewende entscheidet sich auf allen drei Ebenen gleichzeitig.
Michael Kellner: Erneuerbare sind auch eine Frage der Unabhängigkeit
Michael Kellner machte deutlich, dass der Ausbau erneuerbarer Energien für ihn nicht allein eine Frage des Klimaschutzes ist. Ebenso wichtig sei die energiepolitische Unabhängigkeit Deutschlands.
Die Erfahrungen der vergangenen Jahre hätten gezeigt, welche Risiken entstehen, wenn Deutschland bei Öl und Gas stark von einzelnen Lieferstaaten abhängig ist. Der weitere Ausbau von Photovoltaik, Windenergie, Speichern, Wärmepumpen und Elektromobilität sei deshalb auch eine Investition in mehr Unabhängigkeit und Versorgungssicherheit.
Kritisch äußerte Kellner sich zu politischen Vorhaben, die aus seiner Sicht den Ausbau erneuerbarer Energien bremsen oder fossile Heizsysteme länger attraktiv halten. Deutschland sei beim Ausbau nicht zu schnell, sondern an vielen Stellen noch immer zu langsam.
Ein weiteres Thema waren die Strompreise. Gerade wenn Wärmeversorgung und Verkehr zunehmend elektrifiziert werden sollen, müsse Strom bezahlbar sein. Auch Batteriespeicher spielen dabei eine immer größere Rolle: Sie können Solarstrom aufnehmen, wenn viel davon vorhanden ist, und ihn später zur Verfügung stellen.
Clemens Rostock: Das Land muss verlässliche Rahmenbedingungen schaffen
Clemens Rostock richtete den Blick auf Brandenburg und darauf, was Landespolitik zur Energiewende beitragen kann. Er erinnerte unter anderem an Veränderungen bei der Planung von Windenergie, an den Klimaplan des Landes und an Regelungen, durch die Kommunen finanziell von Wind- und Solarparks profitieren. Gerade die Beteiligung vor Ort sei entscheidend. Die Akzeptanz für erneuerbare Energien steige, wenn die Menschen nicht nur Anlagen in ihrer Umgebung sehen, sondern auch konkret davon profitieren.
Dabei müsse es aus Clemens Rostocks Sicht künftig stärker darum gehen, Bürgerinnen und Bürger unmittelbar einzubeziehen – beispielsweise über Beteiligungsmodelle, lokale Stromtarife oder andere Formen finanzieller Teilhabe. Auch Photovoltaik sollte seiner Ansicht nach möglichst früh in Bau- und Sanierungsprojekte einbezogen werden. Wer Solarenergie bereits bei der Planung eines Gebäudes mitdenkt, kann sie meist deutlich einfacher und wirtschaftlicher umsetzen.
Christoph Schneider: Energiewende muss auch wirtschaftlich funktionieren
Wie konkret die Energiewende auf kommunaler Ebene bereits aussehen kann, zeigte Christoph Schneider am Beispiel der Stadtwerke Hennigsdorf.
Ein Schwerpunkt liegt dort auf der Wärmeversorgung. Rund um Fernwärme, industrielle Abwärme und Wärmespeicherung wurden in den vergangenen Jahren verschiedene Projekte umgesetzt. Ein besonderes Beispiel ist der Hennigsdorfer Wärmespeicher. Wärme aus dem Stahlwerk kann darin zwischengespeichert und dann genutzt werden, wenn sie tatsächlich benötigt wird.
Gleichzeitig wurde ein Teil des Projekts über ein Bürgerprogramm finanziert. Für Schneider ist Bürgerbeteiligung dabei mehr als eine Finanzierungsfrage. Wer Menschen frühzeitig informiert und beteiligt, schafft Verständnis für langfristige Investitionen und Veränderungen.
Seine vielleicht deutlichste Botschaft des Abends richtete sich jedoch an die Politik: Stadtwerke brauchen verlässliche Rahmenbedingungen. Investitionen in Wärmenetze und Energieinfrastruktur werden über Zeiträume von zehn, zwanzig Jahren oder noch länger geplant. Ständig wechselnde gesetzliche Vorgaben erschweren solche Entscheidungen erheblich.
Dabei betonte Schneider zudem die politische Unabhängigkeit der Stadtwerke: Die Entscheidungen des Unternehmens seien nicht politisch motiviert, sondern folgten klar wirtschaftlichen Kriterien. Der Ausbau erneuerbarer Energien werde nicht aus ideologischen Gründen vorangetrieben, sondern weil er sich langfristig wirtschaftlich rechnet und für die Versorgungssicherheit und Stabilität der kommunalen Energieversorgung sinnvoll ist.
Viele Fragen – und viel Gespräch
Nach den Impulsen entwickelte sich eine intensive Diskussion mit dem Publikum. Gefragt wurde unter anderem nach Strompreisen, Wärmepumpen, Netzausbau, Batteriespeichern, Elektromobilität und Bürgerenergie.
Besonders greifbar wurde die Energiewende bei der Frage nach Energy Sharing: Warum ist es noch immer so kompliziert, selbst erzeugten Solarstrom unkompliziert mit Nachbarn oder anderen Menschen in der unmittelbaren Umgebung zu teilen?
Auch der Ausbau der Stromnetze spielte eine wichtige Rolle. Denn mehr Photovoltaik, Wärmepumpen, Elektroautos und Speicher funktionieren nur, wenn auch die Netzinfrastruktur entsprechend weiterentwickelt wird.
Dabei zeigte die Diskussion, wie eng technische, wirtschaftliche und politische Fragen inzwischen miteinander verbunden sind.
Energiewende wird vor Ort gemacht
Am Ende des Abends blieb vor allem eine Erkenntnis: Die Energiewende ist längst keine abstrakte Zukunftsaufgabe mehr. Sie findet heute statt – auf Dächern und in Heizungskellern, in Strom- und Wärmenetzen, bei Stadtwerken, in kommunalen Planungen und bei privaten Investitionsentscheidungen. Bund und Land müssen dafür verlässliche und sinnvolle Rahmenbedingungen schaffen. Kommunen und Stadtwerke müssen investieren und konkrete Lösungen entwickeln. Und Bürgerinnen und Bürger brauchen Möglichkeiten, sich zu beteiligen und selbst von der Energiewende zu profitieren.
Oder anders gesagt: Ohne gute politische Rahmenbedingungen keine erfolgreiche Energiewende – aber ohne praktische Umsetzung vor Ort bleibt sie Theorie. Der Abend in Hennigsdorf hat gezeigt, wie wertvoll es ist, diese unterschiedlichen Ebenen miteinander ins Gespräch zu bringen. Und die vielen Fragen aus dem Publikum haben deutlich gemacht: Das Interesse daran, wie die Energiewende ganz konkret gelingen kann, ist groß.
Kategorie
Energie | Event | Hennigsdorf | Oberhavel
Susanne Mosch (Fraktionsvorsitzende)
Hohen Neuendorf

Gerlinde Dumke
Hennigsdorf

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