Interview mit der Geschäftsführerin des Bundesverbandes Nachhaltige Wirtschaft e.V. und dem langjährigen bündnisgrünen Mitglied Dr. Katharina Reuter anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes

28.08.23 –

Jan Gühne: Zuerst einmal herzliche Gratulation zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande - wofür hast Du es genau erhalten und hat es dich überrascht?

Ich war total überrascht und habe im Vorfeld nichts davon mitbekommen. Dafür war die Freude umso größer, dass mein jahrzehntelanges Wirken im Bereich der nachhaltigen Wirtschaft so hohe Anerkennung erfahren hat.

Was hat Dich auf diesem Weg angetrieben?

Katharina: Für mich war immer die treibende Kraft, die Welt ein wenig besser machen zu wollen. Wirtschaftsenatorin Giffey hat dies in ihrer Laudatio auch als roten Faden in meiner Vita beschrieben, der sich in allen Stationen durchzieht. Ich würde eher von einem "grünen" Faden sprechen (lacht).

Welche Entwicklungen siehst Du aktuell im Bereich der nachhaltigen Wirtschaft?

Katharina: Zurzeit befinden wir uns in einer superspannenden Phase - jedes Unternehmen möchte sich als grün präsentieren, aber es ist auch viel Greenwashing mit dabei. Nur weil ich ein paar Bäume pflanze, wird das Geschäftsmodell nicht automatisch nachhaltig.

Es gibt verschiedene Treiber für diese Entwicklung: Von politischer Ebene kommen wichtige regulatorische Impulse - neben einem finanziellen Jahresbericht werden Unternehmen künftig auch immer stärker über Nachhaltigkeitsleistungen berichten müssen. Wir haben jetzt ein Lieferkettengesetz. Die EU wird konkretisieren, mit welchen Begriffen in der Wirtschaft geworben werden darf – was heißt z.B. „klimaneutral“ genau?

Aus der Finanz- und Versicherungswirtschaft kommen zusätzliche Anforderungen, da diese ihre Geschäfte und Anlagen vor Risiken sichern müssen. Wenn Unternehmen es nicht schaffen, ihr Geschäftsmodell nachhaltiger und damit risikoärmer zu gestalten, werden sie in Zukunft schwerer oder gar nicht an Kredite und Versicherungen kommen.

Die vielbeschworenen Nachwuchs- und Fachkräfte sind ein weiterer Treiber: Denn die Jobs in nachhaltigen Unternehmen machen einfach mehr Sinn - das erhöht die Attraktivität gerade unter jungen Leuten.


Was können Betriebe und Mitarbeitende mitbringen, um nachhaltiger zu wirtschaften?

Katharina: Wichtig ist, anzufangen. Natürlich gehört Nachhaltigkeit mittelfristig ins Kerngeschäft eines jeden Unternehmens, aber Schritt für Schritt. Zu Beginn lohnt sich beispielsweise, die Ideen der Belegschaft mit einzubeziehen – wie kann unser Unternehmen nachhaltiger werden? Da kommen konkrete Vorschläge wie Mobilitätsbudget statt Dienstwagen, Wechsel zu einer ökologischen Bank oder Bio-Catering für die Kantine und andere gute Ideen - das lohnt sich immer. Wenn ein Nachhaltigkeitsbericht erarbeitet wird, können diese Verbesserungen dort auch festgehalten werden.

Damit das Unternehmen weiß, wo seine meisten CO2-Emissionen anfallen, ist außerdem eine CO2 Bilanz sinnvoll. Das ist im Dienstleistungsbereich ganz anders gelagert als in produzierenden Firmen. Mit dem kostenfreien Emissionsrechner des Bundesverbands Nachhaltige Wirtschaft bekommen die Unternehmen einen ersten Eindruck: https://plana.earth/bnw-emissionsrechner

Ich bin überzeugt: Nachhaltige Unternehmensführung ist kein Trend, sondern gekommen, um zu bleiben. Das gehört künftig als moderne Business-Disziplin einfach dazu!

Was kann die Politik dafür tun? Welche Weichen müssen gestellt werden?

Katharina: Aufgabe der Politik ist die Aufstellung von Leitplanken für alle Unternehmen – damit eben auch alle mitmachen und nicht nur die Unternehmen, die sich aus eigenem Antrieb dafür engagieren. Die interessante Frage ist, warum sich überhaupt immer noch so viele nicht-nachhaltige Produkte auf dem Markt halten. Das liegt hauptsächlich daran, dass die ökologischen Schäden nicht im Preis enthalten sind - Beispiel sind Kerosin oder Pestizide. Nicht-nachhaltige Produkte und Dienstleistungen sind damit heute leider einfach noch viel zu billig zu haben – das müssen wir ändern!

Warum bist Du bei den Grünen? Ist dies ein Hindernis in Deiner Tätigkeit als Geschäftsführerin des BNW?

Katharina: Als ich 15, 16 Jahre alt war, gab es noch keine Grüne Jugend in Berlin - so mussten wir die erstmal gründen, das hat Spaß gemacht. Und ich fand meine Themen eben am besten in der grünen Partei vertreten – und so bin mit 17 eingetreten. Mit 18 wurde ich in Reinickendorf in die Bezirksverordnetenversammlung gewählt und habe mich später in verschiedenen Arbeitsgemeinschaften und Gremien engagiert. Zuletzt war ich im Kreisvorstand Oberhavel (2010-2014) und als Sprecherin des Stadtverbands Hohen Neuendorf aktiv.

Meine praktische Erfahrung in der politischen Arbeit ist für meine jetzige Position von Vorteil und es helfen auch die Kontakte und Netzwerke über Parteigrenzen hinweg. Da der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft parteipolitisch unabhängig agiert, habe ich momentan kein aktives Mandat oder Amt, um keine Interessenkonflikte entstehen zu lassen.

Es ist Wahlkampf um den Bürgermeisterinnenposten in Hohen Neuendorf. Was wünscht Du Dir von einer grünen Bürgermeisterin Franziska Reichel für die Stadt und unsere Unternehmen?

Katharina: Die Aufstellung einer kommunalen Wärmeplanung ist die nächste große Aufgabe für die Kommune - dies sollte man nicht als Last sehen, denn sie dient zum Schutz der Bevölkerung vor weiter steigenden Energiepreisen. Es gibt Kommunen, die mit der Wärmeplanung schon viel weiter sind. Und: Könnte man nicht als Kommune ein neues "1000 Dächer Programm" für Hohen Neuendorf ins Leben rufen? Die freien Dachflächen auf vielen Gewerbegebäuden sollten zur Erzeugung von Solarenergie genutzt werden. Unsere Energie muss stärker vor Ort erzeugt werden.

Die Klimaschutzmanagerin müsste in ihren Aufgaben klar gestärkt werden - könnte und müsste die Stadt nicht energetische Beratung für die Hohen Neuendorfer Betriebe anbieten? So wie es in Berlin die KEK gibt, die für kleine und mittlere Betriebe kostenfrei Beratung leistet. Könnte man Gewerbemieten für Unternehmen reduzieren, die ihren CO2-Abdruck nachweislich aktiv verringern?

Beim Thema eMobilität ist noch viel Luft nach oben - auch was die Unterstützung für das Carsharing als einen wichtigen Teil der Mobilitätswende betrifft.

Am Ende will ich noch einen persönlichen Wunsch loswerden: Stoppt die fossil betriebenen Laubbläser in unserer Stadt! Städte wie München machen es vor und verabschieden sich von benzin- und dieselbetriebenen Laubbläsern.

Jan: Vielen Dank für das Gespräch! Ich wünsche weiterhin viel Erfolg bei Deiner Arbeit im Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V.

Hohen Neuendorf, 20.07.2023, das Interview führte der Kreisgeschäftsführer des Kreisverbandes Oberhavel Jan Gühne

Foto: Copyright Darmer

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